Eine Handreichung für die Vorbereitung von mehrsprachigen Sendungen, die auch für die Vorbereitung von mehrsprachigen Workshops hilfreich sein kann.
In der Kommunikation ist Mehrsprachigkeit etwas alltägliches: Jugendliche mit migrantischem Hintergrund wachsen zweisprachig auf und erschaffen daraus ihre eigene Sprache (z.B. „Kanak Sprak“ – die Sprache der Deutsch-Türken), Anglizismen sind aus der Popkultur genauso wenig wegzudenken wie aus der Computer-Fachsprache.
Die meisten Radioprogramme bei öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Sendern sind dagegen monolingual. Auf den Frequenzen der Community-Radios wird allerdings seit Jahren mehrsprachig gesendet: Oft aus dem Bedürfnis heraus, eigene sprachliche Realitäten auch in der eigenen Sendung umzusetzen. Der „Nebeneffekt“ ist, dass man damit mehr ZuhörerInnen erreicht.
Damit sich die Sendung gut anhört, sollte die Form, also die Methode, die man anwendet um mehrsprachig zu senden, zum Inhalt dessen passen, was man vermitteln möchte. So eignet sich eine wortwörtliche Übersetzung um Informationen ganz genau weiter zu geben. Methoden, die experimentelleren Charakter haben, machen dagegen vor allem Lust auf`s assoziative Zuhören.
Alles was gesagt wird, wird vollständig in eine andere Sprache übersetzt. So wird Genauigkeit gewährleistet.
Dies ist aber eine sehr zeitaufwändige Methode und kann für die ZuhörerInnen anstrengend und ermüdend sein, denn entweder hören sie alles doppelt oder sie müssen längere Zeit warten, bis sie wieder etwas verstehen können.
Anwendungsmöglichkeiten: Zu empfehlen ist die wörtliche Übersetzung, wenn Informationen sehr genau in einer anderen Sprache wieder gegeben werden sollen, z.B. bei Nachrichten oder ähnlichen komprimierten, kompakten Info-Blöcken. Die einzelnen Takes (in einer Sprache) sollten nicht zu lang sein. Man kann besser zuhören, wenn die Sprachen öfter gewechselt werden.
Wörtliche Übersetzung kann auch in interkulturellen Situationen zu empfehlen sein, wenn es darum
geht, alle Gesprächsbeteiligten gleichermaßen zu Wort und Verständnis kommen zu lassen.
Der Inhalt längerer Passagen wird in einer (oder mehreren) anderen Sprachen zusammengefasst.
Die Methode hat Ähnlichkeit mit der wörtlichen Übersetzung, da sich auch hier längere Sprachblöcke abwechseln. Die Zusammenfassung kann ausführlich oder weniger ausführlich sein, je nach Kontext und Bedarf.
Anwendungsmöglichkeiten: Doppelmoderation in einer zweisprachigen Sendung. Voraussetzung ist, dass beide ModeratorInnen beide Sprachen sprechen. Die Methode eignet sich sehr gut für die Übersetzung von (Live-)Interviews: Der/die InterviewerIn stellt seine/ihre Frage in beiden Sprachen, der Interviewgast antwortet in seiner Sprache und der/ die InterviewerIn fasst die Antwort in der anderen Sprache zusammen. Die Methode wirkt vor allem live sehr lebendig.
Hier geht es nicht darum zu übersetzen, sondern Inhalte und Aussagen von einer Sprache in die nächste weiter zu tragen. Das kann beispielsweise durch eine einleitende Frage oder ein Kurzresümee geschehen. Es werden so Brücken für die ZuhörerInnen von einer Sprache zur anderen gebaut.
Alle beteiligten ModeratorInnen müssen dafür alle verwendeten Sprachen verstehen – die ZuhörerInnen aber nicht unbedingt. Das Team muss dafür gut aufeinander eingespielt sein und geübt im Wechseln von einer Sprache in eine andere. Diese Form des Reframings ist in Teilen Afrikas weit verbreitet, denn die Menschen sprechen mehrere Sprachen im Alltag nebeneinander. Es ist eine sehr elegante und dynamische Methode der Mehrsprachigkeit, bei der es Spaß macht zuzuhören. ZuhörerInnen, die nur eine Sprache verstehen, können die Sendung verfolgen, auch wenn sie nicht alles verstehen. ZuhörerInnen, die alle Sprachen verstehen, langweilen sich nicht, denn nichts wird wiederholt.
Es ist allerdings wichtig darauf zu achten, die zentralen Aussagen immer in die andere Sprache weiter zu tragen.
Anwendungsmöglichkeiten: (Doppel-)Moderationen, Live-Diskussionen.
Damit die HörerInnen „dran“ bleiben, die nur eine Sprache verstehen, ist es nun wichtig, dass die Moderatorin Betty das Gesagte aufnimmt z.B. „Die Motivationen unserer Studiogäste für`s Radiomachen sind vielfältig, Herr XY, wen wollen Sie denn konkret erreichen?“
Beim Turn-Taking wird abwechselnd in zwei Sprachen gesprochen, wobei die SprecherInnen versuchen, die Sendung sprachlich ausgewogen zu gestalten. Das Verwenden verschiedener Sprachen ist Sendungskonzept, wobei nicht auf ein konsequentes Einhalten von Übersetzung, Zusammenfassung oder Brückenbau geachtet wird. Es kann also sein, dass die ZuhörerInnen zu verschiedenen Zeitpunkten nichts verstehen, andere Sendungsteile aber sicher in allen Sprachen gestaltet werden, wie zum Beispiel Veranstaltungstipps. Es kann auch dazu führen, dass beide Sprachen simultan zu hören sind.
Anwendungsmöglichkeiten: Wenn die Methode regelmäßig angewendet werden soll, eignet sie sich am ehesten für Sendungen, bei denen die MacherInnen davon ausgehen können, dass ihre ZuhörerInnen mehr oder weniger auch beide Sprachen verstehen. Dann muss beim Sprachwechsel nicht mehr auf den Sinntransport geachtet werden. Das kann in mehrsprachigen Ländern oder Regionen der Fall sein aber auch innerhalb von Einwanderer-Communities.
Fußballübertragung, bei denen zwei Co-ModeratorInnen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, das gleiche Ereignis anschauen und jeweils in ihrer Sprache kommentieren. Manchmal kommunizieren sie miteinander und beziehen sich auf einander. Wenn es besonders spannend wird, kommentiert jedeR in seiner/ihrer Sprache, manchmal sogar gleichzeitig.
Denkbar als Elemente für eine multilinguale Sendung sind auch Musik, Hörkunst oder Collagen, die von allen HörerInnen, unabhängig von deren Sprachkenntnis, verstanden werden können.
Hier steht nicht die Information im Vordergrund, sondern das Experimentieren mit Sprachen an sich. Sprache dient als Gestaltungselement in künstlerischer und experimenteller Hinsicht. Dabei können Hörgewohnheiten dekonstruiert, reflektiert und erweitert werden. Es können neue Hörformen, neue Methoden der Mehrsprachigkeit und sogar neue Sprachen daraus entstehen. Anwendungsmöglichkeiten: Collagen, Hörspiele
Zwar ist Musik keine Sprache, die per se für alle HörerInnen gleichermaßen zugänglich und verständlich ist – doch durch Musik kann viel, vor allem auf emotionaler Ebene, transportiert werden.
Multilinguale Moderationen können durch ein anschließendes Musikstück verdeutlicht oder illustriert werden. Die HörerInnen erfahren auf dieser assoziativen Ebene viel über ein bestimmtes Lebensgefühl oder eine spezielle Sichtweise – und auch über Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Alltagswelten.
Auch für die Sendungsgestaltung hat die Musik oft eine sehr wichtige Funktion: der Rhythmus eines Musikstückes kann Moderationen in verschiedenen Sprachen klanglich verbinden. Sprachwechsel wirken dadurch rhythmisch und werden nicht als Brüche empfunden. Einsprachige HörerInnen werden durch musikalische Brücken nicht einfach „abgehängt“, sondern können sich leichter darauf einlassen, dem Klang der Fremdsprache zuzuhören.
Anwendungsmöglichkeiten: In allen Sendungen, aber auch gut in Montagen.
Damit sind kurze sprachliche Ausflüge in eine oder mehrere Sprachen gemeint. Es geht dabei nicht darum, etwas in dieser anderen Sprache zu vermitteln. Die Präsenz der anderen Sprache trägt selbst
Inhalt: es kann eine Referenz an die Mehrheitssprache des Landes sein, von dem aus gesendet wird, es kann ein Gruß an diejenigen sein, die auch zuhören. ModeratorInnen sagen damit auch etwas über sich selbst und ihren kulturellen Hintergrund aus.
Anwendungsmöglichkeiten: Begrüßung, Verabschiedung, vor allem in Moderationen.
Hier geht es um die symbolische Präsenz von Sprachen in eigentlich einsprachigen Sendungen. Das Code-Switching und Language-Hopping geschieht oft unbewusst.
Beim Language-Hopping wird nicht übersetzt oder in einer anderen Sprache zusammengefasst, sondern unvermittelt und oft unbewusst in eine andere Sprache gewechselt. Das geschieht, wenn sich beispielsweise die Sprachsituation durch einen Telefonanruf oder einen Studiogast ändert, oder wenn die SprecherInnen in eine Sprache wechseln, weil ihnen Begriffe nur in dieser Sprache einfallen.
Code-Switching bezieht sich auf das unbewusste Verwenden von Fachbegriffen, anderssprachigen Ausdrücken im Alltag oder Szenesprache.
Von Anwendungsmöglichkeiten kann man hier schlecht sprechen, weil Code-Switching und Language- Hopping meist unbewusst passieren. Man kann es oft in Sendungen von MigrantInnen der zweiten Generation hören, die zweisprachig aufgewachsen sind und auch im Alltag oft unbewusst zwischen den Sprachen wechseln. In Call-In-Sendungen stellt man sich auf die AnruferInnen ein; In Musiksendungen werden Titel und Spezialausdrücke über die Musikrichtung in der Sprache eingefügt, in der sie erfunden wurden (Spanisch bei Flamenco, Englisch bei Blues etc.)
Hierbei handelt es sich um eine Methode der Montage von wortwörtlichen Übersetzungen und OTönen, die bei Vorproduktionen von Montagen, Beiträgen und Features verwendet wird. Das Original wird kurz angespielt, dann läuft es im Hintergrund weiter und die Übersetzung setzt ein. Das hört sich recht elegant an, allerdings werden die beiden Sprachen nicht gleichberechtigt hörbar gemacht.
Es liegt eine Sprach-Hierarchie vor, denn man kann nur eine Sprache verstehen. Die zweite Sprache hat symbolische Präsenz.
In der Montage wird durch das Anspielen des Originaltons dokumentiert, dass ein persönliches Gespräch tatsächlich stattgefunden hat. Der O-Ton trägt außerdem Informationen über den emotionalen Ausdruck des Gesprochenen, die Stimme des Sprechers und die Atmosphäre.
Anwendungsmöglichkeit: In monolingualen, vorproduzierten Montagen, Beiträgen oder Features, in denen O-Töne in anderen Sprachen vorkommen.
Büro, Rechercheraum
Computer, Internetzugang
Notizblock, Stifte
» multilingual_workshop_radio-goes-europe_jingle.mp3
Autoren: Gruppe Babelingo und Antje Schwarzmeier